CfP: Macht und Ohnmacht auto/biographischen Erzählens. Grundlagentheoretische Fragen und interdisziplinäre Perspektiven (Event), Deadline: 20.02.08

Jahrestagung der Sektion Biographieforschung in der DGS, Flensburg

Datum: 10.-12.07.2008
Ort: Universität Flensburg
Deadline: 20.02.2008

„Erzählung“ als kulturelles (Re-)Präsentationsformat und „Erzählen“ als spezifischer Modus kommunikativer Praxis gehören zu den theoretische Kernkonzepten der sozialwissenschaftlichen Biographieforschung. In Deutschland haben vor allem Fritz Schützes sprachsoziologische Arbeiten zur Fundierung der Biographieforschung beigetragen und den Nutzen eines erzähltheoretischen Zugangs für empirische soziologische Forschung deutlich gemacht. Das „narrative Interview“, von Schütze Mitte der 1970er Jahre entwickelt, ist ein prominent gewordenes Ergebnis dieser Arbeiten, das heute, ebenso wie eine Reihe weiterer narrationsanalytischer Verfahren, einen festen Platz im Kanon qualitativer Sozialforschung gefunden hat. Angesichts der Selbstverständlichkeit der Verwendung narrativer Erhebungsmethoden und erzählanalytischer Verfahren werden die grundlagentheoretischen Fragestellungen, erzähltheortischen Prämissen und methodologischen Überlegungen, die zur Entwicklung und Ausgestaltung dieser Forschungsmethoden geführt haben, allerdings nur noch selten thematisiert.

Auch unabhängig von den Forschungspraxen rund um das narrative Interview sind erzähltheoretische Grundlagenfragen seit der „Entdeckung“ dieses Zugangs in der Soziologie seit langem nicht mehr diskutiert worden. Dabei gab und gibt es Fragen, die nach wie vor offen sind und die erkenntnistheoretischen und methodologischen Grundlagen der Biographieforschung betreffen: z.B. Fragen nach

• der Historizität und kulturellen Kontextualität narrativer Darstellungsformen: Kann Erzählen als ein universales kognitives Muster angenommen werden oder ist es an (eine) bestimmte Kultur(en) gebunden? Wie relevant sind historische und kulturelle Differenzen? Welche Differenzierungen narrativer Schemata finden sich in historischen und interkulturell vergleichenden Forschungen und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Praxis der Biographieforschung?

• dem Verhältnis von „großen“ und „kleinen“ Erzählungen und den daran gebundenen Konstruktionen kollektiver und individueller Identität: Welchen Wirklichkeitsstatus haben auto/biographische Erzählungen, angesichts des „Endes der großen Erzählungen“? Wie hängen individuelle Lebensgeschichten mit der „großen Geschichte“ und ihrem „Zerbrechen“ zusammen? Aber auch: Gilt für „narrative Identität“ die gleiche Kritik, die insbesondere von poststrukturalistischen Ansätzen an Identitätstheorien formuliert wurde, oder bietet ein narrativer Ansatz gerade einen neuen, nicht identitätslogisch festschreibenden Zugang zum Problem der Identität?

• den Spielräumen und Grenzen für narrative Konstruktionen des Selbst: Welche Freiräume haben Subjekte, wenn sie ihre Geschichte erzählen? Inwiefern sind sie immer schon „in Geschichten verstrickt“ (Schapp) und unterliegen dem Zwang historischkultureller Erzähltraditionen? Und: Welche Zwänge übt das Erzählen selbst aus? Erzählen wir unser Leben oder leben wir unsere Erzählungen? Kann auto/biographisches Erzählen gar als „das“ machtvolle Prinzip moderner Selbstkonstruktion betrachtet werden? Unter welchen Bedingungen wird ein Erzählen des Selbst möglich/verunmöglicht und welche Effekte bringt es hervor?

Grundlagenfragen dieser Art sollen im Mittelpunkt der Tagung stehen und zu Beiträgen anregen. Um sie angemessen diskutieren zu können, ist geplant, auch Konzepte und Zugänge aus anderen Disziplinen und interdisziplinären Diskursen einzubeziehen, die sich grundlegend mit dem Phänomen Erzählen beschäftigen: Sozio- und Psycholinguistik, Geschichtswissenschaft, Psychologie, Philosophie, Literaturwissenschaft, Gender Studies, Cultural Studies u.a. Der Zugang über Disziplinen und Forschungsrichtungen soll allerdings nicht zum Ordnungsprinzip der Tagung werden. Vielmehr soll das Thema über Fragestellungen und Schwerpunkte erschlossen werden.

Zur Orientierung für die Einreichung von Abstracts können vier Fragenkomplexe dienen:

(1) Konstruktion – Repräsentation – Fiktion? Erkenntnistheoretische Fragen nach dem Status von Narrationen in der Biographieforschung und anderen Forschungszusammenhängen;
(2) „In Geschichte(n) verstrickt“ – Geschichte(n) als sozialer Zwang und Bearbeitungsmaterial für individuelle und kollektive Sinnproduktion: Gestaltungsspielräume und soziale Normierungen auto/biographischer Erzählungen;
(3) Identität und Kultur – Erzählen als kulturelle Praxis der Herstellung von Identität;
(4) Ausschlüsse, Differenzen, Verstummen und Verhinderung narrativer Kommunikation, Erzählen, Zuhören und Weghören im Kontext von diskrepanten kollektivgeschichtlichen Bezügen, Konfliktsituationen und Machtdifferenzen.
Neben diesen grundlagentheoretisch ausgerichteten Fragenkomplexen wird es eine Session geben, in der exemplarisch die gesellschaftspolitische Relevanz von Erzählen (z.B. im Kontext politischer Konfliktbearbeitung) untersucht wird.Wir bitten um die Einreichung von Abstracts von max. 1 Seite bis zum 20. Februar 2008 an: bettina.dausien#uni-flensburg.de

Auf Basis der eingereichten Abstracts wird bis ca. Mitte März ein vorläufiges Programm erstellt und auf der Homepage der Sektion veröffentlicht, so dass eine frühzeitige Anmeldung zur Tagung möglich ist. Das Organisationsteam freut sich über Hinweise auf interessante Ansätze und Projekte zum Tagungsthema, insbesondere aus benachbarten Disziplinen.

Kontakt:
Prof.in Dr.in Bettina Dausien
Institut für Allgemeine Pädagogik und Erwachsenenbildung/Weiterbildung
Universität Flensburg
Auf dem Campus 1
24943 Flensburg
bettina.dausien’uni-flensburg.de

URL des CfP: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=8634

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